Eine Debatte entgleist

Dawkins entgleist und eine Debatte auch. Aber trotzdem lehrreich

Was ist passiert: Auf einem Atheisten Kongress in Dublin war eine Bloggerin, Rebecca Watson von „Skepchick“ auf dem Podium, die davon sprach, daß die Szene nicht allzu attraktiv für Frauen ist. Sie berichtet von „normalen“ Belästigungen und wie doof die sind, sie berichtet von schlimm sexualisierten Fanmails, von den Hatemails, die wohl auch die Männer kriegen und sie berichtet von den Vergewaltigungsandrohungen, die sie (wie die meisten Bloggerinnen) in der allergrößten Anzahl bekommt.

Generell geht es wohl darum, daß die Atheisten tatsächlich (zu) wenige Atheistinnen anziehen und daß das doch schade ist und man mal drüber nachdenken soll.

Hinterher postet sie einen kleinen Videobericht in ihrem Blog. In diesem Bericht erzählt sie neben vielen anderen Dingen, daß ihr just an diesem Abend nachts ein Typ in den Aufzug folgte, nachdem sie erzählt hatte, wie müde sie ist. Er sagte daß er sie interessant findet und ob sie nicht auf einen Kaffee mitkommt. Sie findet es nicht so toll weil im engen Aufzug und überhaupt creepy. Soweit.
Das ist alles nicht so schlimm, aber eine ironische Gesichte von einem aus tausenden kleinen Nerverlebnissen mit Männern, die Frauen nicht recht zuhören (wollen?). Ironisch, weil er ihr, obwohl sie soo interessant ist, weder im Vortrag noch beim Tschüss-Sagen zuhört. Soweit, so alltäglich, es ist niemandem was passiert.

An diesem tatsächlich kleinen Erlebnis entzündet sich nun aber DIE neue Internetdebatte, die vor allem in Atheistenblogs (scienceblog), nach und nach aber auch auf feministischen Blogs (mädchenmannschaft) und – haha – Maskulinistenblogs (allesevolution) losgeht.

Stein des Anstoßes ist ein – darüber kann eigentlich nur Einigkeit bestehen – überaus agressiver Kommentar von Richard Dawkins dazu. Sein Tenor ist in etwa „Stell Dich nicht so an Mädel!“ – nur eben schlimmer, ekliger und rücksichtsloser. Much ado about nothing, möchte man meinen. Es geht um Männer und Frauen, um Vergewaltigungsvorwürfe, Sexismus, umgekehrten Sexismus, Männer, die angeblich „Gar nichts mehr dürfen“. Die Theorien reichen von „Dawkins soll fertig gemacht werden“ bis zu Feminismus-Nazi-Vergleichen.
Aber wer bauscht eigentlich auf? Die Beleidigung auf einen schlichten Bericht hin kam von Dawkins, die vielen, vielen Kommentare und das meiste Geschimpfe kommt von irgendwelchen Männern.

Rebecca Watson hat übrigens selber keine so starken Aussagen getroffen, sie möchte nur völlig überraschend nicht um 4 Uhr Nachts, nach dem sie müde von Gesprächen über unangenehme und unzulässige Sexualisierung auf ihr Hotelzimmer gehen will in einem Aufzug von einem fremden Mann angebaggert werden. Und bittet: Männer macht das nicht! PZ Meyers hat übrigens nicht die beschriebene Situation aufgebauscht, sondern wenn überhaupt aufgebauscht, dass so viele Kommentatoren und Reaktionen darauf so dämlich bis misogyn waren. (freigeisterhaus)

Zahlreiche Personen jaulen laut im Internet auf. Aber: Warum fühlen sie sich davon überaupt be/getroffen? Man kann viele der Kommentare einfach im Umkehrschluß lesen:

  • Wer sagt, sie soll sich mal nicht so anstellen finden es also ok, wenn Männer immer Frauen anquatschen, auch wenn die das nicht wollen und (!) gesagt haben. Also nicht das Argument, daß sie nicht wussten / wissen konnten, daß die Frau nicht angequatscht werden will, sondern sie finden es eben trotzdem ok, eine müde Frau zu belästigen.
    Die „sich nicht so anstellen“ Fraktion sagt implizit, daß es egal ist, wenn eine Frau Nein gesagt hat, man muß sich nicht daran halten. Und Frauen sollen das dann hinnehmen und das nicht mal doof finden dürfen.
  • Wer sagt, daß man dann doch keine Frauen mehr anquatschen kann (wenn nicht allein und im Dunklen..), findet wohl, daß eine Anquatschsituation ruhig auch mal bedrohlich sein darf. Es ist ihnen zu anstrengend zu vermeiden bedrohlich zu wirken und sie finden, daß sie ein Recht darauf haben, bedrohlich zu sein. Sonst würde mann ja nie jemanden kennenlernen. Hallo?!

Viele Kommentare gehen so in die Richtung „Was soll man denn dann machen“. Manche fragen ernsthaft, ob sie den Fahrstuhl nicht benutzen dürfen.
Da kann man nur sagen: Stellt Euch doch bitte nicht dümmer, als Ihr seid. Sonst schafft ihr es auch zu reflektieren, nachzudenken und nicht nur wenn-dann Befehle zu befolgen. Einfach ein bisschen auf andere Menschen achten! Wer es nicht kann, kann sich zumindest bemühen, auf eigene Verhaltensweisen achten und im Zweifel vielleicht einfach mal nachfragen, wie manche Situationen und Verhaltensweisen gedeutet werden und ob es jetzt ok ist, xy zu tun. Bei einem Nein ist ein Nein eben zu akzeptieren, nein, dann lernt ihr die Frau heute nicht kennen. Fertig. (Mal ganz am Rande: Für wie attraktiv halten sich die Belästiger denn in einer belästigenden, vll bedrohlichen Situation???)
Der Aufschrei ist ein Crie de Coeur, jaja, und zwar motiviert dadurch, daß eine Frau einem Mann / den Männern sagt, sie sollen doofe Sachen lassen und vielleicht mal zuhören. Ist das denn wirklich so fies, gemein, zu viel verlangt und überhaupt unverschämt oder wie sonst kann soll ich die große Aufregung deuten?

Ich versuche nun noch ein paar Links zum Thema zusammenzustellen, damit ihr selbst sehen rekonstruieren und lesen und Meinung bilden könnt. Enjoy.

Die Debatte, die selbst das Lehrstück zum Problem ist.

Die Reihenfolge ist in etwa so:

  • Rebecca Watsons Video, in dem sie den Vorfall schildert
  • (02.07.11) P.Z Meyer greift den Vorfall auf seinem Blog auf und findet es dummes Männerverhalten.
  • Dawkins kommentiert dort, daß Vaginale Verstümmelung schlimmer sei. (Stimmt, aber wofür ist das bitteschön ein Argument?)
  • 07.07.11 Jörg Rings kommentierts.
  • 09.07.11 Die Mädchenmannschaft zitiert es im vermischten, 12.07.11 auch der Männerblog „allesevolution“ bringts, mit vielen, seltsamen Kommentaren. (mit Absicht nicht verlinkt ;-) )

Das ganze las ich auf bei Jörg Rings. Sein Beitrag ist ziemlich nett. Dieser Beitrag von PZ Meyers übrigens auch.
Aus einer unglaublichen Masse an in unglaublich kurzer Zeit von vorwiegend Männern (zumindest männliche Nicks) geschriebenen Kommentaren habe zwei Stück kopiert, die ich gut fand.

TSK· 08.07.11 auf scienceblog.de:
Rebecca macht darin einfach den Eindruck, dass sie (Geek, Nerd, Asperger etc.) sehr große Schwierigkeiten hat, mit Avancen allgemein umzugehen. Als sie die Geschichte erzählt, stockt sie, bricht den Augenkontakt, reibt die Hände etc. etc. Es ist also sinnlos, es von der Warte einer Frau zu betrachten, die damit wesentlich lockerer und selbstbewußter umgehen kann, sondern es ist halt Rebecca.
Zunächst mal: Es ist eine Atheistenkonferenz, bei der es genauso von Geeks, Nerds und Aspergern wimmelt. Man hat die Nacht durchdiskutiert.
Was ich vermute, ist: Der Fahrstuhltyp hat genau dieselben Probleme mit sozialen Kontakten, hat sich genau überlegt, was er sagen will und wartet sehnsüchig darauf, dass sie alleine ist, um sie ansprechen zu können. Rebecca geht also zum Fahrstuhl, ist müde und unaufmerksam, der Typ kommt herein und sagt, bevor er sich verhaspelt, seinen Spruch auf. Bautz.
Natürlich ist ihr das dann sehr unangenehm. Sie will ins Bett, ist kaputt, kennt ihn nicht und ist vermutlich erst mal sprachlos. Dann kommt halt die Furcht (eine für *sie* nicht zu beherrschende Situation), Ärger (was habe ich eigentlich heute gesprochen und überhaupt, ich bin müde) und Unwohlsein (wie komme ich hier wieder raus).
Endergebnis: Beide fühlen sich Scheiße. Reparieren läßt sich da nicht mehr viel, höchstens durch Körpersprache (Zurückziehen, wegdrehen) signalisieren, dass man die Abfuhr verstanden hat. Ich würde ja gerne über das Verhalten schimpfen, aber es soll ja Männer geben, die idiotische Dinge tun, wenn sie verknallt sind….ich gehöre leider auch dazu.

Kompliment, TSK. Du bist nicht perfekt (Geek, Nerd, Asperger etc.), erwartest das aber auch nicht von den anderen und Du siehst es schlicht hinterher ein, was falsch gelaufen ist. Das ist doch ganz prima und schonmal ein Anfang. Ich fand Rebecca Watson im Video zwar ganz normal, aber das Ansatz, daß verschiedene Personen verschiedenen Toleranz und Wohlfühlschwellen haben und es einzusehen, ist doch was.

Nach der Theorie bleibt allerdings komplett unverständlich, warum Dawkins so entgleiste. Warum in aller Welt fühlt sich ein weißer, älterer Herr mit weltweitem Renommé bemüßigt, eine junge atheistische Bloggerin wegen eines x-beliebigen Erebnisses am Rande einer veranstaltung aufs Korn zu nehmen??? Nach der Theorie erklärt sich auch nicht, warum die Überzahl der (männlichen) Kommentatoren praktisch Amok läuft und Gift und Galle spuckt. Oben habe ich schon geschlossen: Sie wollen Ihr Recht auf Belästigung erhalten.

In die richtige Richtung gehts wieder hier:

Kommentar-YeRainbow· 12.07.11 auf scienceblog.de:
Eigentlich sollte es normal sein, daß man Ängste von Menschen soweit ernst nimmt, wie sie signalisiert werden.
Als Hundeführer laß ich meine Hunde absitzen, wenn Passanten vorüber gehen. einfach weil ich weiß, daß viele von ihnen sich nicht frei von Angst fühlen. Es ist dabei vollkommen irrelevant, daß meine Hunde nicht beißen (tun sie es nicht? […])
Ich werde den vorüberziehenden Leuten, Joggern, Radfahrern etc auch nicht lang und breit erklären, daß sie „keine Angst haben müssen“ etc pp. Die haben andere Ziele als sich von mir irgendwelche RECHTFERTIGUNGEN anzuhören.
Ich nehme einfach wahr, daß es Ängste geben könnte, ich minimiere die Risikofaktoren, […]
Mehr brauchts eigentlich nicht.
Gilt auch für andere Bereiche, in denen Menschen sich fürchten könnten, einfach weil ihnen klar ist, daß es schon manchmal schiefging.
Wer keine Angst fühlt, um so besser. Dann störts ihn ja nicht.

Das ist ein derart gutes Beispiel! Genau! Bloß weil ich die Hunde harmlos finde, heißt das noch laaang nicht, daß es allen anderen so gehen muß. GANZ GENAU! Und wenn dreißig andere Frauen – und auch ich – vielleicht gar nichts an dieser Fahrstuhlsituation finden würden oder gar ob der Ironie lachen müssten, dann heißt das nicht, daß die eine oder andere Reaktion die Richtige ist, sondern nur, daß unterschiedliche Leute unterschiedlich reagieren und man eben Rücksicht nehmen soll.

Also nochmal: Ein komischer Nerd oder auch total sympatischer Typ ist einer Frau, die gesagt hat, daß sie jetzt schlafen geht, in den Aufzug gefolgt und quatscht sie an. Seine Version der Story könnte sein: Er hat sich vorher nicht getraut sie anzusprechen, wartet deswegen bis sie allein geht und folgt ihr. Vielleicht ist er schüchtern, vielleicht bewundert er sie. Vielleicht ist er aber auch völlig doof, ein kleiner Norman Bates oder Drohmailschreiber.
Ihre Version ist: Sie hat klar zu Ausdruck gebracht, daß für heute Schluss ist, daß sie Ruhe haben will. Dann kommt dieser Typ, will sie nicht nur zuquatschen, sondern will sie am liebsten abschleppen. Als Ort wählt er den engen(?) Aufzug, aus dem man nicht weg kann. Er macht soweit nichts schlimmes, außer unsensibel sein, ihre Signale ignorieren oder mißverstehen.
Aber hallo: Schon das nervt! Schon auf der Nervebene finde ich es unangemessen, der Frau zu sagen, sie solle doch einfach dickfelliger werden. Sie hat den Typen ja nicht angezeigt, sie hat ihn nicht gehauen oder so, sondern schlicht in ihrem Blog hinterher aufgeklärt, daß sowas nervt. Wieso in aller Welt soll sie davon nicht erzählen, daß Typen, die einem unaufgefordert folgen, nerven? Das ist nicht wahnsinnig agressiv.
Außerdem ist eine Bloggerin, die täglich Hatemails bekommt mit Todesdrohungen und – in der Überzahl, wie sie auf dem Kongresspanel erzählt – Vergewaltigungsdrohungen nun keineswegs überempfindlich, wenn sie irgendwo auch die Angst hat, daß einer bei einer öffentlichen Veranstaltung, auf der sie exponiert war, jemand kommen könnte, um die Drohung war zu machen.

Lesen kann man übrigens auch bei Rebecca „Skepchick“ (was für ein blöder Nick aber auch!) selbst. Sie reflektiert inzwischen auch schon den Verlauf der Diskussion und schreibt, warum sie dabei immer feministischer wird. Sie fasst es gut zusammen:

Every time I mention, however delicately, a possible issue of misogyny or objectification in our community, the response I get shows me that the problem is much worse than I thought.

So isses.