ZDF Championsleague Deal

Wo bleibt eigentlich die Kritik von Links?

Vom „Express“ bis „BILD“ – alle heulten auf, wenn sie vom Fußball-Deal des ZDF berichten. Sogar ein „Sportausschusses des Deutschen Bundestages“ meldet sich auf Nachfrage zu Wort, Sat.1 prüft als unterlegener Bieter rechtliche Schritte dagegen.

Warum die Aufregung? Das ZDF hatte sich (am 05.04.2011) Rechte für die Übertrag der Fußballspiele des Männerfußballs der „Champions League“, auch mal „europäischen Fußball-Königsklasse„oder auch „Eliteklasse“ genannt, für geschätzte 50 Millionen Euro jährlich gesichert. (lt. Spiegel BILD, Express, Welt. FAZ abweichend: 06.04: 54 Mill). Kein Grund zur Freude für die, die sonst nicht genug vom Männerfußball haben können – sondern „Ein Skandal“ (FAZ, 06.04.2011, S. 33).
Wenig später folgten weitere Fußball-Deals, am 21.05.2011 haben die öffentlich-rechtlichen Sender für geschätzte 180 Millionen Euro noch Senderechte an den Spielen der Frauen- und der Herrenfußballnationalmannschaft erworben, die Rechte an der Ausstrahlung der Spiele der 3. Liga und der Frauen-Bundesliga – bis zum Jahr 2016. (24.05, FAZ)

Die geneigte Sportkritikerin findet das aus vielen Gründen doof: Fußball ist doch dieser schlimme Männersport, in dem Rollenklischees und Sexismus in Bezahlung, Vermarktung und im Stadion zementiert werden. Zielgruppe und Helden sind vor stets Männer. (Ich will die Marginalisierung von Frauen im Fußball hier nicht festschreiben, sondern gerade beklagen, ebenso wie die Vorherrschaft nur einer „deutschen“ Sportart!)
Und warum überhaupt soviel Kohle für einen Sport im Fernsehen und für „Spitzensport“ ausgeben, anstatt mal öffentliche Anlagen zu fördern, in denen sich Hinz und Kunz gesundheitsfördernd oder einfach mal zum Spaß körperlich betätigen können? Ganz zu schweigen von fehlenden oder überteuerten, privatisierten Schwimmbädern allerortes, alles wahrlich bessere Projekte zur Bezuschußung als eine Championsleague.

Aber alle diese Klagen sind im Blätterwald unterrepäsentiert. Eine von öffentlich-rechtlichen Sendern ausgegebene Summe von 180 Mill € steht insgesamt für Sportrechteshit im Raum. Thema des Geschimpfes sind natürlich nicht oben genannte Erwägungen oder die Frage danach Männerfußball wirklich so toll sei und soviel Geld wert ist – Beklagt wird zum Beispiel über die Benachteiligung der armen, armen, Privatsender:

2013 ist das Jahr der Rundfunkgebührenreform. 2011 ist das Jahr der Sportsenderechte. Beide werden in die Rundfunkgeschichte eingehen als die Jahre, in denen ARD und ZDF durchmarschiert und davongezogen sind – der Konkurrenz der privaten Sender und den Gebührenzahlern. […]
Für Privatsender ist so etwas nicht mehr zu bezahlen. Wenn Pro Sieben Sat.1 oder RTL mitbieten, wissen sie, dass sie pro Spiel mit einem Verlust von zwei bis drei Millionen Euro rechnen müssen – die sich durch die Werbung im Programm nicht refinanzieren lassen. Kommt – wie beim Verkauf der Champions League und des jetzigen Pakets – die Preistreiberei hinzu, ist das Rennen von vornherein so gut wie gelaufen.(FAZ)

Auf den Punkt gebracht von der Financial Times:

[…] Zum Verdruss der Privaten: Denn das gebührenfinanzierte ZDF wildert immer öfter in deren Revier
(das Revier der Privaten ist nach dem Artikel übrigens alle jüngere Zuschauerinnenschaft. Lustig.)

Betrachtet man die konkreten Kritikerinnen unter diesem Aspekt, ist nicht verwunderlich, daß sich Leute wie RTL Medienpolitiker auf einmal als Verteidiger der Qualität und der Kunden generieren. Außer der direkten Konkurrenz schimpfen auch CDU Politker und FDP, die geistigen Väter (auch Mütter?) des Privatfernsehens also:

Ganz anders sieht das natürlich die private Konkurrenz, und sogar RTL, früher selbst langjähriger Inhaber der Champions-League-Rechte, mischt sich ein. „Es ist faszinierend, wie das ZDF in Zeiten, in denen die Gesellschaft eine kritische Auseinandersetzung mit dem Umgang mit Gebühren fordert, das Geld mit vollen Händen rauswirft, um etwas anzubieten, was der Zuschauer längst hatte – und zwar ohne einen Cent unserer Gebühren“, sagte Tobias Schmid, Bereichsleiter Medienpolitik der Mediengruppe RTL. (Welt, spiegel artikel ist vergleichbar)

und ausgerechnet BILD zitiert im Kampf für die Hochkultur des Fernsehns:

Bisher lief die Champions League beim Privatsender Sat.1. „Wir, die Zuschauer und Gebührenzahler, erhalten also nichts Neues, keinen Mehrwert“, schreibt der TV-Produzent Günter Rohrbach in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Wir zahlen 50 Millionen für etwas, das wir bereits hatten, ohne dieses Geld. Haben wir da ein gutes Geschäft gemacht?“ NEIN, findet FDP-Medienexperte Burkhardt Müller-Sönksen: „Das ZDF hat den Bogen überspannt. Wo ist hier der Maßstab, wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender mit Gebührengeldern international auf Shoppingtour geht? Die Rundfunkräte des ZDF müssen jetzt ihrer Verantwortung gerecht werden und diese Auswüchse stoppen.“ CDU-Medienexperte Marco Wanderwitz: „Mehr Geld für teure Sportrechte bedeutet, dass weniger Geld für Kultur und Film ausgegeben werden kann. Das halte ich bei einem öffentlich-rechtlichen Sender nicht für gut.


Der FAZ (Gleicher Artikel wie oben)könnte man ernsthafte Besorgnis um die Qualität des Fernsehens schon eher abnehmen, aber nein, das ist nicht der Punkt:

Und die Fußballrechte gehen an – ARD und ZDF. Erst Champions League, jetzt die 3. Liga und die Spiele der Nationalmannschaft. So wird der populäre Spitzensport im Fernsehen zum Monopol der Öffentlich-Rechtlichen. Ist das „Grundversorgung“?

Lustig an diversen FAZ Kommentaren war insbesondere, daß sie letztlich nicht anzweifeln, daß Männerfußball auf jeden Fall Grundversorgung sei, sondern nur fanden, daß die doch auch von Privaten geleistet werden könne oder wenigsten nicht so teuer sein solle. Letztlich steht dann aber doch dahinter, daß auch andere Leistungen der Öffentlichen ohne weiteres ohne Belastungen für die Gebührenzahlerinnen und Zahler erbracht werden könnten – oder?

Die Zeit interviewt den ZDF Sportchef (klar, alles Männer, die mit Fußball zu tun haben..), natürlich nur in Sorge um die Ausgewogenheit und nicht mit klassisch liberalen Privatisierungshintergedanken:

ZEIT ONLINE: „Es geht also nur danach, was die Leute interessiert? Ausgewogenheit ist bei Ihnen kein Kriterium?
Gruschwitz: Was die Leute interessiert, ist das oberste Kriterium – wir können ja kein Programm machen, was am Zuschauer vorbeigeht. “ […]
ZEIT ONLINE: Sie werden ab 2012 die Bundesliga, die Nationalelf und die Champions League zeigen. Ist das nicht zu viel Fußball?
Gruschwitz: Nein, weil der Fußball keinen anderen Sport verdrängt, wenn wir die Champions League übertragen. Die Champions League findet an Dienstag- und Mittwochabenden statt, an denen sonst kein Sport gesendet wird. Das weitere Sportprogramm wird nicht unter unserem Engagement für die Champions League leiden.
ZEIT ONLINE: Aber die Sportberichterstattung wächst auf Kosten von Politik oder Kultur?

Die ernstgemeinte Frage nach dem, was Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender sei und was alles die Grundversorgung der Bügerinnen und Bürger mit Information und Kultur enthalten soll, ist eine sehr berechtigete. Leider wird sie praktisch nie gestellt, ohne gleichzeitig das System der öffentlich-rechtlichen Sender an sich anzugreifen und dabei die Privaten als Ach-so-tolle-Alternative anzupreisen. Sie wird, anders gesagt immer nur hervorgezogen, wenn einer totale Liberalisierung und Marktorientierung auch des Fernsehns das Wort geredet wird.

Selbstverständlich gibt es zahlreiche berechtigte Klagen über Programminhalte
Gehört Männerfußball oder Männerboxen oder Formel1 echt zur Grundversorgung?!, Muß „Rote Rosen“ öffentlich rechtlich finanziert und ausgestrahlt werden? Warum gbt es im ZDF eigentlich so viele Filme mit und über Adelige, sowohl bei Romanverfilmungen als auch bei Dokus?*
oder über über das Programmschema
Kann man nicht mehr Infomation senden? Wieso wird Aspekte so spät gesendet? Warum wird der Informationsanteil nicht erhöht?. Wieso kommen Spielfilmedelsteine und Erstausstrahlungen im ZDF prinzipiell nach Null Uhr?.

Die Leute, die sich in den genannten Artikeln für die Kultur und die Qualitätsberichterstattung stark machen, setzen sich im echten Leben nicht besonders dafür ein, hochwertige Dokumentationen statt „Reality“ wie „Frauentausch“ oder „Die strengsten Eltern der Welt“ auszustrahlen. Oder gar weniger Sexismus im Fernsehn zuzulassen, um zum Schluß mal einen ganz neuen Anspruch einzubringen.
Alle beide Debatten, sowohl die um die armen Prvatsender als auch die Diskussion um die Grundversorgung durch öffentlich rechtliche sind zu diesem Zeitpunkt Scheindebatten. Beide kommen mir spanisch vor und sind wenig mehr außer Ausweise für – offenbar gelungene – medienpolitische PR Maßnahmen. Vor einigen Jahren war es nämlich offenbar überhaupt kein Problem, das Geld mit vollen Händen für dummen Sport mit dummen Kommentatoren und Zielgruppe Männer rauszuschmeissen. Eine Meldung von 2001, die mir zufällig bei der Rechereche in die Hände fiel

Die öffentlich rechtlichen Sender ARD und ZDF einigten sich mit der Kirch-Gruppe für die Übertragung der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 und voraussichtlich auch 2006 auf eine Summe von rund 750 Millionen Mark.
(FAZ)

Mal ehrlich: 750 Millionen Mark – das ist doch mehr als 50 oder auch 150 Mill Euro? Warum jetzt die Aufregung?
Obwohl die Debatte um Qualitätsfernsehen – bitteschön von den öffentlich rechtlichen, für die wir alle (spätestens ab 2013) zahlen, mich brennend interessieren würde, lässt mich dieses Getöse kalt.

*Nachtrag: Meine Güte! Ich habe gerade die Homepage „ZDF Royal“ gefunden. Aua!